Wenn vieles rauf soll, dann aber vieles schief und dick wirkt…

 

Wenn Visualisierungen zu einem Entwurf erstellt werden, soll meist so viel wie möglich auf´s Bild. Schließlich war das Planungsgebiet nicht gerade eine kleine Zigarrenschachtel, und es hat viel Zeit und Mühe gekostet, bis endlich der Entwurf die gewünschte Qualität hatte…

Ganz schnell greift man dann in seinem 3D-Programm zum Weitwinkel-Objektiv. Arbeitet man eher zeichnerisch, also mithilfe geometrischer Konstruktion, wählt man eine relativ enge Lage der Fluchtpunkte. Beides hat den gleichen Effekt: Der entstehende Sichtbereich ist groß. Genauer gesagt, er ist größer als der Sichtbereich, den unsere Augen erfassen können (der entspricht in der Kleinbildformat-Fotografie einer Brennweite von ca. 50 mm, das sind ca. 40 Grad). Egebnis: Wir sehen auf dem Bild mehr, als wir in der Realität mit unseren Augen von diesem Standort aus einigermaßen scharf erfassen können. Im Bildausschnitt ist also deutlich „mehr drin“. Genau das wollten wir doch erreichen!

Also alles gut? Nicht ganz… Es gibt noch ein, zwei Effekte, die man nicht vergessen sollte:

Der Einsatz eines Weitwinkels bzw. eng liegender Fluchtpunkte bedeutet auch, dass der Raum, den wir abbilden, dramatisch an Tiefe gewinnt. Der Eindruck entsteht dadurch, dass die Fluchtlinien ziemlich schräg zu den Bildkanten verlaufen. Das kann durchaus eine, wenn nicht gar die eigentliche Absicht sein: Der Raum soll größer und weiter wirken, als er in der Realität wahrgenommen wird. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass dieser Effekt nicht besonders originell ist: Fast jeder, der online seine kleine Wohnung vermietet, kennt diesen Trick. Jury-Mitglieder könnten ihn also als billigen Täuschungsversuch werten.

Typische Effekte bei Weitwinkel-Aufnahmen: Kippende Böden und zu breite Objekte, wie z.B. Menschen im Vordergrund

Ein weiterer Nachteil von Weitwinkeln ist (und das trifft auf Zeichnungen mit enger liegenden Fluchtpunkten genauso zu), dass Dinge im Bild-Vordergrund und an den Rändern stark in die Breite verzerrt werden: Ein typischer Effekt, der dabei entsteht, ist der Eindruck kippender Böden oder zu dicker Objekte in den vorderen Bildecken. Die meisten Betrachter empfinden das als störend (obwohl wir dies von unzähligen Fotos kennen und dort seltsamerweise als „quasi normal“ akzeptieren.)

Was also lässt sich gegen die Negativ-Effekte tun?

 

Entweder man entzerrt die Dinge, die im Vordergrund zu stark verzerrt sind (Stichwort: Verzerren-Werkzeug). Das funktioniert mit Solitär-Objekten recht gut (Menschen, Laternen, Autos usw.). Jedoch wird die Angelegenheit bei durchgängigen, rasterartigen Dingen, wie bspw. Platten-Belägen, schon deutlich schwieriger. Hier gerät man mit dem Verzerren-Werkzeug ziemlich schnell in einen „Try-and-Error-Marathon“. Das zugrunde liegende Fluchtlinien-Raster ist dann auch schnell vergessen, und die Perspektive stimmt nicht mehr. Man kann so arbeiten, muss es aber nicht… Ich beende mal an dieser Stelle.

Räumliche Wirkung der Brennweiten 18, 50 und 80 mm bei ca. gleichen Bildausschnitten (Klick auf´s Bild)

Es gibt nämlich einen anderen Weg, der viel zu wenig genutzt wird, der aber einfacher und ehrlicher ist: Man verwendet eben – ja tatsächlich – mal kein Weitwinkel-Objektiv. Und damit der Bildausschnitt so viel zeigt, wie er beim Einsatz eines Weitwinkels auch zeigen würde, geht man mit der Kamera weiter zurück. Man geht im wahrsten Sinne des Wortes also den Weg, den ein guter Fotograf in der Realität auch gehen würde: Anstelle einer Brennweiten-Änderung per Zoomfunktion, nutzt man die eigenen Füße, um den Bildausschnitt, wie gewünscht, zu füllen. Oder – im Falle der zeichnerischen Arbeitsweise: man legt die Fluchtpunkte der Zeichnung weiter auseinander.

 

Ergebnis: Der abgebildete Raum entspricht eher der menschlichen Wahrnehmung, unschöne Verzerrungen bleiben aus und die Perspektive stimmt. Vor allem aber nutzt man so die Brennweite als Gestaltungsmittel für den Bildraum. Ziemlich spannend eigentlich.
Standorte der Kameras (blaue Winkel) und Menschen (orange Kreise)

Standorte der Kameras (blaue Winkel) und Menschen (orange Punkte)