Seit einiger Zeit liest man in Wettbewerbsauslobungen für Architekten und Landschaftsarchitekten immer häufiger Sätze, wie: „Es werden keine fotorealistischen Darstellungen / Renderings zugelassen.“ Oder auch: „Erlaubt sind skizzenhafte Darstellungen“. Was meint der Auslober damit?

Klar: Der Auslober will keinen Fotorealismus – stattdessen lieber „Handgemachtes“. Klingt erstmal vernünftig – irgendwie auch ehrlicher und vor allem: Weniger aufwendig.
Gerade das Vermeiden von Aufwand scheint dem Auslober auch besonders am Herzen zu liegen – schließlich sind die Mitarbeiter der Wettbewerbsteams eh schon chronisch überlastet. Danke also an die Auslober für die guten Absichten. Allerdings: Die Arbeit der Wettbewerbsbüros wird damit keineswegs erleichtert. Mal abgesehen davon, dass ein einfacher Renderprozess nicht länger dauert als eine „skizzenhafte Darstellung“, sorgen die guten Absichten des Auslobers hier für Verwirrung, seltsame Stilblüten und undurchschaubare Bewertungskritierien der Jurys: Da fragen sich die Mitarbeiter in den Wettbewerbteams: Ja, was heißt denn jetzt eigentlich „Fotorealismus“? Ist alles, was wie ein Foto aussieht, auch gleich „fotorealistisch“? Zählen dazu auch „fehlerhafte“, wie z.B. verrauschte oder falsch belichtete Fotos? Und was ist mit Foto-Collagen?
Oder: Bedeutet Rendering zwangsläufig immer gleich Fotorealismus? Und heißt „skizzenhaft“, dass wir tatsächlich mit dem Stift auf Papier zeichnen, dann scannen usw.?
Das Wirrwarr lässt so manchen auf Ideen kommen: Ha, weißte was?! Wir wenden auf unser Rendering einfach ein Plugin an, das alles nach Handskizze aussehen lässt. Oder wir malen mit einem dieser Photoshop-Pinsel das Rendering so hin, dass es irgendwie „analog“ wirkt. Ok, aber was ist, wenn das doch einer merkt und unser Beitrag deshalb rausfliegt?

 

Kartons, 5 mal gerendert in verschiedenen nicht-photorealistischen Stilen, ohne Photoshop-Nachbearbeitung


Spätestens wenn man sich vor Augen hält, dass Non-photorealistic Rendering längst ein weit verbreiteter Standard in der digitalen Visualisierung ist, fragt man sich, ob der Wissensstand der Auslober und Jurys bereits das neue Jahrtausend erreicht hat. Aber vermutlich hat die Angst vor dem „Rendering-Gespenst“ eher damit zu tun, was Auslober und Jurys sich eben pauschal unter einem „Rendering“ vorstellen: Perfektionistische hyperrealistische Darstellungen, die „echter als echt“ wirken und doch – oder gerade deshalb – lügen.
Sicher, allerspätestens seit #Varoufake misstraut jeder denkende Mensch zu recht fotorealistischen Darstellungen. Aber auch Handzeichner waren und sind gute Lügner…
Wie auch immer – ob „fotorealistisch gerendert“ oder „mit der Hand skizziert“ – gegen Angst vor Gespenstern hilft nur: Licht an und Nachschauen, was da hinterm Vorhang ist. Heißt: Mehr Wissen darüber, wie heute Bilder gemacht werden. Also, wer knipst endlich das Licht an bei den Jurys und Auslobern?